Herzen Europas

Text und Foto: Joanna Sell

Wo liegt das Herz Europas? Für welche Werte schlägt es und wer entschied Jahrhunderte lang, wie sich das Kulturleben hier entwickelte? Der Kontinent war Zeuge vom Glanz mehrerer Herrscherhäuser und profitierte von deren Reichtum genauso wie von dem Reichtum der Kirche. Europa ist ohne Burgen, Paläste, Schlösser und Kirchen nicht wegzudenken. Häufig gab es den Traum, große Teile des kleinen Kontinents unter einer Herrschaft zu bringen und häufig endete diese Träumerei blutig und grausam. Wie wollte eine Person von ihrem Anspruch auf die Macht über Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und unterschiedlichen Sprachräumen überzeugen? Wer sollte diese Herrschaft legitimieren? Was Europa schon immer auszeichnete, war die kulturelle Vielfalt und das Bedürfnis, Diese zu bewahren.

Es gab Zeiten, wo die Macht über große Teile des kleinen Kontinents in Händen eines Königs war, der vom Palast zum Palast zog, um die Ländereien kontrollieren zu können. Das Reich dieses Herrschers reichte von der Nordsee bis nach Mittelitalien und von den Pyrenäen bis ins heutige Ungarn. Um die Grenzen seines Reiches zu festigen, führte er jahrelang einen Mehrfrontenkrieg. Die eroberten Gebiete unterlagen sofort einer Reform. Der König setzte überall Grafen als seine Stellvertreter und Vasalen, die ihm zum Kriegsdienst verpflichtet waren. Ländereien gegen Treueid war der Grundstein der königlichen Macht. Unter seiner Herrschaft wurden antike Handschriften kopiert und somit für die Nachwelt erhalten. Zudem, dank seinen Bemühungen wurden eine vereinfachte einheitliche Schriftart und eine einheitliche Währung eingeführt. Gründe genug, um ihn häufig den Vater Europas zu nennen. Wer war der Herrscher?

Karl der Große hatte die letzten zwanzig Jahre seines Lebens in Aachen verbracht und somit die Stadt zu einem Machtzentrum gekürt. Hier hatte er Gesandten aus Konstantinopel und Jerusalem empfangen, hier hat er Spolien aus römischen Bauwerken für seine architektonischen Projekte genutzt und vor allem, hier hatte er die heilende Kraft der heißen Quellen für seine Gesundheit genutzt, um leidenschaftlich im hohen Alter jagen zu können. Der Mythos wirkte für die nachfolgenden Herrscher wie ein Magnet. Bei seinem Besuch in Aachen 1804 begab sich Napoleon vor den karolingischen Thron als Nachfolger Karls des Großen. Über 1000 Jahre zuvor, am Weihnachtstag 800 wurde der mächtigste König des Mittelalters vom Papst zum Kaiser in Rom gekürt. Keiner weiß, wie es zu dieser Krönung kam. Eins steht fest. Bereits zwei Jahre zuvor übergab ihm ein byzantinischer Gesandter der Kaiserin Irene in Konstantinopel einen Brief, in dem die byzantinische Herrscherin ihm den gleichberechtigten Anspruch auf das Römische Imperium gewährte. Da die beiden nie geheiratet hatten, kam es nie dazu, die beiden Imperien unter der gemeinsamen Herrschaft zu verbinden. Die beiden Reiche entwickelten sich auseinander und pflegten ihre Einflüsse in unterschiedlichen Erdteilen auszuüben. So entstand der Mythos des Kerns Europas. Bis zum heutigen Tag streiten sich Wissenschaftler in Frankreich und Deutschland wer eigentlich Karl der Groß war. Abgesehen davon, dass keiner weiß, wo er geboren wurde, hätte der Herrscher selbst die Frage nach der nationalen Identität nicht beantworten können, weil die Nationalstaaten viel später gegründet wurden. Grund genug, um Re-Narration der europäischen Vielfalt der Identitäten zu starten, um diesem Reichtum und dem kulturellen Erbe gerecht zu werden.

Mit dieser Geschichte im Hintergrund haben wir uns entschieden, unser Storytelling Forum „STORIES FOR EUROPE“ in Aachen zu veranstalten.  

 

Joanna Sell